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Franz Kusz

Hirnrissig - Mein laienhafter Versuch, mit Parkinson umzugehen

 

Ich will kein Ausstellungsstück sein

Wenn Sie glauben, dass es mir gut geht, vielleicht sogar besser als Ihnen, muss ich Sie enttäuschen. Mir ist der Weg in Begleitung von Parkinson wahrscheinlich genauso widerwärtig wie Ihnen. Den Verlauf der Krankheit können wir uns nicht aussuchen. In den letzten zwanzig Jahren habe ich viel erlebt, so dass ich sagen kann: Parkinson hat viele Gesichter. Jeder Betroffene hat seinen eigenen Weg und den muss er mit den ihm eigenen Mitteln selbst zurücklegen. So wie ich heute vor Ihnen stehe bin ich das Ergebnis einer guten Medikamenteneinstellung, die immer mal wieder erneuert werden muss. Dass natürlich auch andere Faktoren Gutes dazu tun können, erfahren Sie in den nächsten Minuten.

Mein Name ist Franz Kusz, ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Söhne.
Ich habe vor 20 Jahren erfahren, dass mich ein gewisser James Parkinson von da an ein Leben lang begleiten wird.
Als ich die Diagnose erhielt, war ich 58 Jahre alt und noch mitten im Berufsleben.

Meistens beginnt die Krankengeschichte mit einem Schock - der Diagnose Parkinson.
Der Neurologe, der mir die Diagnose mitteilen musste, schwächte diese Überraschung damit ab, dass er seinen Worten selbst kein dramatisches Gewicht gab und mir als Therapie empfahl, viel zu wandern, beweglich zu bleiben, sich viel in der Natur aufhalten und meine Sinne öffnen für die Natur.
Mit diesen Hilfsmitteln ließ er bei mir die Hoffnung zu, dass die Diagnose nicht so schwerwiegend sein konnte und dass sie mein Leben nicht in besonderem Maße beeinträchtigen würde.

Ich traute dieser Aussage doch nicht ganz und habe den Arzt gewechselt. Seither bin ich bei einem Chefarzt und Neurologen, Dr. Werner W. , in Behandlung. Obwohl er es nicht fertig brachte mich zu heilen, bin ich ihm für die lange Begleitung sehr dankbar. Er kennt genau mein Gefühlsleben und hat bisher bewiesen, dass er immer mit seinen Empfehlungen und Ratschlägen richtig lag. Auch jetzt, wo er nur noch stundenweise arbeitet ist er für mich da.

Die meisten Leute klappen erst mal zusammen, sind schockiert, beginnen zu jammern und stellen sich die Frage, warum gerade sie dieses Schicksal erleiden müssen, ob es denn keinen Gott gibt.

Ich bin nicht zusammengeklappt, habe versucht nicht zu jammern, habe mir aber nichtsdestotrotz die ein oder andere Frage gestellt.

Im Folgenden möchte ich Sie teilhaben lassen, an einigen meiner Gedankensprünge. Es handelt sich dabei nicht um einen Vortrag über Parkinson, sondern nur um durcheinander gewürfelte Blitzlichter meiner Gedanken und den Ausdruck meines Inneren, ausgelöst durch meine Krankheit.

Begegnungen

Nach 10 Jahren hat sich gravierendes in Bezug auf meinen Zustand verändert.

Die Krücken, die ich als Stütze brauchte, haben mich auch in einer großen Menschenmenge markiert, als Außenseiter. Als modisches Attribut zur Kleidung – es gab sie in grün und blau - konnten die Krücken nicht gelten. Aber es reichte aus, mit anderen Menschen, die die gleichen Stöcke benutzen, ins Gespräch zu kommen. In diesen Gesprächen fiel mir auf, dass diese Gehhilfen vielen Menschen dazu dienten einfach anders zu sein und damit aufzufallen. Jedenfalls waren die Krücken die Kontaktstelle zwischen zwei Krankheitsbildern, die allerdings der Einfachheit halber egalisiert wurden.

„Wer so daher kommt, kann nur eine Knie- oder Hüft-OP hinter sich haben.“, so empfand ich die Reaktion der Mitmenschen. Auf die Frage: „Gell, Sie haben auch ein neues Knie? …eine neue Hüfte?“, antwortete ich: „Ja! Aber ich habe Probleme.“, um ihn abzuwimmeln. Bevor ich seine Neugier, die ich erwartete hatte, befriedigen sollte habe ich mich schnell durch die Menschenmenge verdrückt. Zu dieser Zeit hatte ich noch einen flotten Gang. Er entstand durch die Oberkörperneigung nach vorn und den Rechtsdrall, der durch den Vortrieb meiner Körpermasse eine hohe Endgeschwindigkeit erlaubte. Ich rannte sozusagen meinen Stöcken hinterher. So konnte ich schnell wieder untertauchen, bevor ich meine Krankheit erklären musste.

Die „Krückenläufer“ habe ich uns genannt. Die „Krückenläufer“ sind mir ja nicht unbekannt. Ich habe sie immer einer Kategorie „Sportunfälle“ zugeordnet. Diese sind alle wieder heilbar, manchmal in Minutenschnelle, wie man es bei Sportlern oft zu sehen bekommt. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen zu meiner Behinderung zu stehen. Am Anfang war es ja „nur“ eine Gehbehinderung, aber eine die mich erheblich beeinträchtigte. Plötzlich merkst du, dass dir eine zusätzliche Hand fehlt. Man lernt dabei den schnellen Stockwechsel, die rechte Hand übergibt den Stock der linken und schon hast du eine freie Hand, um jemanden zu begrüßen oder irgendetwas anzufassen, das meine Neugierde befriedigte. Die Stockübergabe von rechts nach links musste ich allerdings vorher trainieren. Die automatischen Bewegungen funktionierten nicht mehr. Man muss den Kopf und einen starken Willen einschalten, um diese Einschränkung auszugleichen, sonst erhöht sich die Sturzgefahr. Den starken Willen werde ich noch oft benötigen. Den Befehl, der das Gehirn normalerweise automatisch an den Körper weitergibt, muss ich jetzt durch einen bewussten Auftrag ersetzen.

Zu meinem schnellen Gang mit starkem Vortrieb fehlt nur noch der Auftrieb, dann könnte ich vielleicht sogar fliegen. Dem steht allerdings die Kraft der Erdanziehung entgegen. Diese Erdverbundenheit macht sich in den Füßen besonders bemerkbar, dann wenn die Füße fast am Boden kleben bleiben. Um dieses Handicap zu behandeln bedarf es wiederum eines willensstarken Befehls. Diese Bodenhaftung lässt sich nicht verbergen. Es trägt in der Öffentlichkeit doch dazu bei, sich stigmatisiert zu fühlen. Ein langer Prozess liegt vor einem, bei dem man am Ende wenn es gut geht die Selbstsicherheit wiedergewinnt, die es einem erlaubt einen Auftritt in der Öffentlichkeit als selbstverständliches Verhalten zu empfinden.

Zu dieser Einstellung verhilft einem die Anerkennung der Krankheit. Es ist mein Los damit zu leben und damit umzugehen. Ein Verheimlichen ist schon lange nicht mehr möglich, ein Verstecken des zitternden Armes und der Hand in der Hosentasche lässt sich nicht lange aufrecht erhalten. Irgendwann wird das Zittern so stark, dass man kein Geheimnis mehr daraus machen kann. Also bleibt nur der offensive Umgang mit den Beschwerden aus dieser Scheißkrankeit!

Vom normalen zum behinderten Menschen

Der Übergang vom „normalen“ zum behinderten Menschen ist mir doch schwer gefallen. Irgendwann kommt die Zeit der Offenlegung gegenüber der Öffentlichkeit, irgendwann….

Um nicht in den Topf mit geistig behinderten Menschen geworfen zu werden, hielt ich mich an den Rat meines Arztes, das Leben so einzustellen, dass es so normal wie möglich bleibt. Wenigstens vor mir wollte ich der „Alte“ sein. So lange keine auffällige Bewegungsstörung vorliegt sollte ich Begegnungen mit Mitbetroffenen meiden, er hatte wohl Sorge um mein Seelenheil. Im Grunde kann ich ja gut ohne Gesellschaft auskommen. Die Zeit „totschlagen“ gibt es bei mir sowieso nicht. Auf was ich allerdings nicht verzichten kann, ist meine Frau, der ich vor 50 Jahren versprochen hatte, sie zu lieben so lange ich für sie da sein kann. Ein ganz normales Leben wollten wir leben, trotz Parkinson. Jetzt sind die Vorzeichen gerade umgekehrt. Jetzt ist sie für mich da. Wir waren uns einig, dass wir unsere gemeinsamen Pläne weiterhin verwirklichen.

"Gott" - wo finde ich ihn? - Glaube und Unglaube

Warum lässt er zu, dass so viel Leid in der Welt ist?
Es ist naiv zu glauben, dass Gott für jeden von uns nur Gutes bereit hält. Eine solche persönliche Beziehung würde ihn überfordern, weil er keine Person im menschlichen Sinne ist. Gott ist mehr als der Verwalter des Lebens von 8 Mill. Menschen auf der Erde. Gott ist nicht der Verantwortliche für meine Krankheit. Er besitzt aber die Kraft mich anzuleiten, mit der Krankheit zu leben, dem Leben trotzdem einen Sinn zu geben. An der Dreieinigkeit Gottes würde ich der dritten Kraft, dem „Heiligen Geist“ das größte Gewicht geben. Gott ist Geist, mit dem jeder das Maß, das er braucht um gottgerecht mit Verständnis und Demut, mit Zuwendung und Liebe leben zu können, selbst bestimmen kann.
Im Grunde ist der Mensch, mit seinen ca. 70% H2O-Anteil ein „Wassersack“, in dem man keinen Platz mehr für den großen Geist vermutet. Der große Geist herrscht nicht über uns, sondern lässt uns die Freiheit den Lebensweg selbst zu bestimmen. Wir sind also eigenverantwortlich für das was wir tun und sind. Wir wissen, was diese Welt ist, aber nur bis zu dem Ende, über das hinaus wir nicht mehr denken können. Natur und Geisteswissenschaften stoßen ganz schnell an Grenzen, die sie eigentlich suchen und erklären wollten. Vorläufig bleibt uns also nur der Glaube.

Vom Roller zum Rollstuhl

Das ist ein Weg, der nicht voraussehbar ist. Deshalb kann ich keine Zeitangaben machen, wie lange er dauern wird. Ich weiß nur, dass sich zwischen diesen beiden Punkten das Leben abspielt.
Beim Start in das geh- und rollerfähige Alter machen wir die größten Fortschritte, weil wir sonst unseren Vor-Bildern, den Eltern, nicht mehr folgen können. Wer zukünftig den Ton angeben will, muss seinen Anspruch auf die Führung schnellstens anmelden. Dabei muss man etliche Hindernisse und Stolpersteine wegräumen. Ehe man den Zenit der Entwicklung erreicht hat beginnt bereits der Abbau von körperlichen und geistigen Kräften. Der steilen Entwicklungskurve nach oben folgt die langsam fortschreitende Abflachung der Fähigkeiten. Im Vollbesitz von Wissen und Reife fühlen wir uns fähig die Auseinandersetzungen mit dem „Leben“ aufzunehmen. In dieser Situation fühlt man sich in Hochstimmung mit seinen Kräften die man braucht für Entwicklung, Aufbau und die Pläne des eigenen Lebens.
Normalerweise verhindern die Lebenskraft und die Lebensfreude irgendwelche Gedanken an eine Unterbrechung dieses Hochgefühls. In dieser Zeit beginnt aber auch schon, eine Zeitlang unbemerkt, der Abbau von Körperzellen. Davon ist der Hirnbereich, unser Befehlsstand für alle Aktionen unseres Körpers, mit seinen verschiedenen Segmenten auch verschieden betroffen. Die Schwere der Betroffenheit ist so verschieden wie die Krankengeschichten des Einzelnen. Was wir zur Verlängerung des Lebens in einem einigermaßen normalen Zustand machen können: von Anfang an körperliche Fitness für die Stärkung und die Beweglichkeit der Muskeln und Gelenke. Geistige Fitness durch Kopfarbeit, interessiert bleiben und die Neugierde wach halten für das Leben das voller interessanter Dinge ist. Und schließlich: die richtigen Medikamente in der richtigen Dosis zur richtigen Zeit pünktlich einnehmen.

Die medizinische Perspektive

Für mich ist es immer wichtig, der Forschung für Parkinson zu folgen und mich mit der medizinischen Seite zu befassen. Deshalb, weil ich selbst ein Betroffener bin und weil ich die Hoffnung nicht verloren habe, dass mir geholfen werden kann. Ich bin kein Mediziner, aber ein Interessierter. Außerdem ist die Beschäftigung mit der medizinischen Seite zugleich ein Gehirnjogging für mich.
Hier ein paar meiner Gedanken über eines von vielen medizinischen Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe.

Das zweite Gehirn

Die Gehirnprobleme, so habe ich das verstanden, sind zurück zu führen auf eine Stoffwechselgeschichte. Die Veränderungsvorgänge im Kopfhirn beruhen auf dem Defekt, dass die Eiweißbestandteile nach dem Ausgebrauch nicht mehr durch ein Enzym entsorgt werden und als Eiweißplaques zurück bleiben. So wird die Zellentwicklung neuer Nervenzellen verhindert, weil die Kontaktstellen zwischen den Nervenfasern durch Plaques verklebt werden. Parkinson ist kein Mangeldefekt, sondern ein Schrotthaufen, der nicht abtransportiert wird. In unserem Kopfhirn herrscht ein dauerndes Werden und Sterben, das ist der Kreislauf der Natur. Ganz hinter das Geheimnis der 100 Milliarden Nervenzellen und ihres Wirkens werden wir schwer kommen. Man muss sich vorstellen, das Gehirn ist eine Schaltzentrale, die alles im Griff hat und dies kann nur ein spinnendichtes Netzwerk von Andockstellen, von Synapsen und Membranen, Proteinen, Enzymen, Botenstoffen und ein Feuerwerk von Elektroimpulsen bewerkstelligen. Die Impulse werden von den Zellen angenommen, verarbeitet und weitergeleitet. Allein die Vorstellung von der Geschwindigkeit, die wir schon nicht mehr messen könnten, macht einen Laien staunend und demütig. An diesem Punkt bin ich bereit über meine Kritik an der Forschung nachzudenken. Diese Vorgänge sind dermaßen komplex.

Es gibt neue Schlagzeilen über das sogenannte „zweite Gehirn“, das im Bauchraum sitzen soll.

Meine ursprüngliche Vorstellung, dass bei der Parkinson Krankheit auch die Psyche beteiligt ist, habe ich hiermit bestätigt bekommen, nachdem die Forscher ein zweites Gehirn entdeckten, das im Zentrum des Körpers, nämlich im Bereich des Verdauungstrakts: Magen, Dickdarm, Dünndarm, angesiedelt ist.

Der Verdauungstrakt wird von hundert Milliarden Nervenzellen umhüllt, mehr als im Rückenmark. Das Bauchhirn produziert Nervenbotenstoffe. Es arbeitet und sendet viel mehr Signale zu dem Kopfhirn, als das auf umgekehrtem Weg geschieht. Es kann entscheiden, „aus dem Bauch heraus“, weil es mitdenkt, mitfühlt und sich einarbeitet. Es kann selbst erkranken und entwickelt eigene Neurosen. Der Sitz der Gefühle liegt im Zentrum des Körpers. 

Da, wo die Sprichwörter bereits vorgearbeitet haben, mit den „Schmetterlingen im Bauch“, „Das liegt mir schwer im Magen“, „Das ist aber schlecht zu verdauen“. Man sieht, dass große Emotionen die nächste Annahmestelle im Zentralbereich benutzen; von hier werden die bioelektrischen Signale weitergeleitet an das Kopfhirn. Bis wann kann man noch weitere Gehirne (Regionen) finden, die für bestimmte Funktionen zuständig sind? Und trotzdem ist alles unter einem Dach des Kopfhirns. Die Zahlen machen uns klein und demütig, weil sie außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen. Ca. 100 Mill. Zellen, in der Größe von einem 40-tausendstel Millimeter im Durchmesser. Unvorstellbar auch die Geschwindigkeit und die Präzision mit der hier gearbeitet wird, damit unser Lebenslicht in den Funktionen Tag und Nacht aufrecht erhalten wird.

Rehabilitation

Mein erster Rehabilitationsaufenthalt war 2005, ca. 10 Jahre nach der Diagnose, in der Fachklinik Ichenhausen bei Günsburg im schwäbisch-bayrischen Raum.
Beim ersten Aufenthalt in der Rehaklinik Ichenhausen ging eine Phase starker Veränderungen in meinem Gesundheitszustand voraus. Es häuften sich die Off-Phasen, der Medikamentenmix schien durcheinander gewirbelt und versagte seine Wirkung. Eine intensive Behandlung mit PK- Merz i.v. 8-Tage lang und eine Neueinstellung der Medikamente sollte mir wieder auf die Beine helfen.

Ich interessierte mich schon lange für eine Sicht auf die Krankheit Parkinson, die von einem Anteil der Psyche an der Krankheit ausgeht.  Die Ansicht, dass die Psyche nichts damit zu tun hätte wurde auch in dieser Klinik vertreten. Ich ließ nicht locker und verfolgte meine Idee einen Fragebogen zu erstellen.

Bemerkenswert war, dass es den Menschen die Abwehr zeigten besser ging, als den Mutlosen und Ängstlichen, die sich nicht mehr zutrauten ihr Leben in den Griff zu bekommen. Als ich meine Liste von Parkinsonerkranken durchschaute war ich darauf angewiesen meine Vorstellungskraft zu benutzen und mir ein Bild von den Menschen, die ich persönlich nicht kannte, zu machen. Ein Gesicht und die Körperhaltung verraten aber auch schon einiges vom Innenleben des Menschen.

Mir fiel dabei Papst Benedikt ein: Ich empfinde ihn als feinfühligen Geisteswissenschaftler, dem die Verantwortung für Millionen von Christen plötzlich aufgebürdet wurde. Sein Versuch der Kirche ein besseres Image zu verpassen scheiterte daran, dass seine hochgeistigen Fähigkeiten keine Antwort darauf hatten, was die Menschen in der Realität, im Lebensalltag von der Kirche an Unterstützung erwarteten. Ich hatte damals kein gutes Gefühl, wenn ich ihn so zerbrechlich und mit seiner Gehbehinderung sah. Diese schmalen Schultern konnten dieses Paket an Verantwortung nicht tragen. Er tat, was sonst noch kein Papst getan hat, er trat zurück. Die menschliche Größe die in dieser Entscheidung steckte hat mich sehr bewegt, aber er war einfach überfordert. Er war den Belastungen durch zu große Erwartungen nicht gewachsen.

Mir fielen auch Michael Fox, der US-amerikanische Schauspieler und Muhammad Ali, der Boxer ein, die beide ebenfalls an Parkinson erkrankt sind.

Diese Gruppe von Patienten zähle ich zu den Privilegierten der Gesellschaft, die ohnehin eine ganz andere Qualität der medizinischen Versorgung bekommen. Ich wollte aber in Verfolgung meiner Idee, Parkinson sei auch psychisch bedingt, mit normalen Menschen, mit dem Schreiner, dem Musiker, der Rechtsanwältin, dem Bierbrauer, der Hausfrau oder dem Bauarbeiter sprechen. Diese Möglichkeit hatte ich dann während meines Rehaaufenthaltes in der Fachklinik Ichenhausen.

Pharmaindustrie

Zusammen mit der Pharmaindustrie, die mir täglich ca. 30 Tabletten für alles Mögliche zur Verfügung stellt, gelingt mir eine gewisse Beherrschung meines Gegenübers, Herrn Parkinson. Es steht mir allerdings bevor, dass die Medikamente nach 5-6 Jahren nicht mehr ihren Schutzschirm über mir aufschlagen. Dann brauche ich eine neue Strategie gegen P.
Mein Neurologe bestärkte mich darin abzuklären, ob ich ein Kandidat für eine Operation am Gehirn, der Tiefenhirnstimulation, sei. Vor 5 Jahren etwa unterzog ich mich dieser Untersuchung, um zu erfahren, dass es mir noch viel zu gut geht, um an einen solchen bedeutenden Schritt zu denken. Diese OP sollte man erst mal nicht ins Auge fassen, sie bleibt vorläufig auf der Reservebank. Ich bleibe also meinem streitbaren Gegenüber noch erhalten, als Zielscheibe seiner Attacken.

Da ich nach 15 Jahren Parkinson immer noch die Medikamente von vor 30 Jahren einnehme, stellt sich mir die Frage: „Wie weit ist die medizinische Forschung in Sachen Parkinson gediehen, wie wichtig ist die Krankheit Parkinson für die Forschung bisher gewesen?“ Viele Krankheiten, die als unheilbar galten, sind heilbar geworden oder zumindest beherrschbar. Eine Eingleisigkeit in der Forschungsrichtung ist immer noch erkennbar und das, obwohl die Stammzellenforschung neue Ansätze zulässt.
Ich stelle mir die Frage ob die Lobby der Parkinson Erkrankten noch zu klein ist, um für die Pharmaindustrie wichtig zu sein oder ist das Medikamentengeschäft mit den vorhandenen Medikamenten profitabler? Wohin gehen dann die Millionen, die für die Forschung bereit gestellt werden?

Reisen

In den ersten Jahren nach der Diagnose Parkinson, als ich mich bereits zu dieser Krankheit bekannt hatte, war ich noch imstande zu reisen und den Sommer im Süden zu verbringen. Wir fuhren regelmäßig in den Norden von Sardinien, wo wir in der Wohnung meiner Schwester ein Domizil hatten.
Die entspannte Atmosphäre zwischen den Menschen die sich dort trafen und sich aufeinander freuten, hatte dazu beigetragen, dass meine Behinderung unauffällig blieb und von Außenstehenden nicht wahrgenommen wurde. Ich war beweglich am Strand und bei den Ausflügen in die nahe Natur. Eine Natur die mit gewaltigen Granitblöcken und Felsen großen Eindruck auf mich machte. In der Verwitterungsphase entstanden bizarre Formen und Gestalten. Der berühmte Bär von Palau steht am Rande einer Fahrstraße oberhalb des Ortes Palau, mit einem weithin ungehinderten Blick über die Marina bis zu den Magdalenen Inseln. Angesichts eines Segelhafens erfasste mich immer wieder die gleiche Sehnsucht nach Loslösen vom irdischen, um mich in der Weite des Meeres zu verlieren. In diesem Moment habe ich keinen Körper mehr, bin nur noch Geist der dahinschwebt.
Parkinson hat mich gelehrt Vieles, vor allem die Natur, neu zu entdecken. Dabei habe ich festgestellt, dass mir meine Frau in der Beziehung zur Natur schon lange voraus ist.
Unter ihrer Anleitung sehe ich heute vieles, was mir zuvor verdeckt geblieben war. Es war ein Lernprozess der stattgefunden hat und er bescherte mir ganz neue Erlebniswelten. Mein Bewusstsein hat sich geschärft. Unwichtiges vom Wichtigen zu trennen und Lebensinhalte von Leerräumen zu befreien. Den Menschen zu erfahren wie er ist und nicht wie wir ihn uns wünschen.

Dass wir Parkinsonisten noch einiges leisten können, allein durch die Befehle vom Kopf an die Gliedmaßen, macht die Erfahrung einer weiten Reise deutlich. Allein die Erkenntnis, dass man noch erwünscht ist oder gebraucht wird, stählt einem den Rücken, um zu dem Schluss zu kommen, dass die Einladung zu einer Hochzeit nicht abgelehnt werden kann. Irgendwie muss das noch machbar sein, auch wenn das Reiseziel im Ausland liegt. Mit Hilfe der Serviceleistungen für behinderte Menschen von DB und Lufthansa und natürlich in Begleitung meiner Frau, waren die befürchteten Probleme auf ein Minimum reduziert. Mit dem Schwerbehindertenausweis hat man Vorteile bei den Kosten der Bahn und auch am Flughafen. An jedem Umsteigebahnhof wurden wir von Serviceleuten der Bahn in Empfang genommen und mit Gepäck zum nächsten Bahnsteig gebracht. Nur der Umweg von der Bundesbahn zur S-Bahn, die zum Flughafen führt, war sehr hektisch und verlangte enorme Sportqualitäten von mir.

Die Übergabe von der Bundesbahn zur Stadtbahn fiel in die Zuständigkeit von keinem der beiden. Erst als wir am Flughafen in die Hände der Lufthansa gegeben wurden klappte wieder alles wie am Schnürchen. Für die langen Wege am Flughafen stand ein Rollstuhl zur Verfügung, im Flugzeug wurden wir bevorzugt behandelt, ebenfalls am Sicherheitscheckpunkt. Der Rollstuhl hatte überall Vorfahrt. Und es gibt keine neidischen Blicke von Mitreisenden. Lieber zu Fuß warten müssen, als im Rollstuhl fahren dürfen. Natürlich genoss ich die Privilegien und meine Begleitung, zu der sich jetzt auch noch mein Sohn mit Frau gesellte, kam ebenfalls in den Genuss. Am Zielflughafen in Italien stelle ich fest, dass der Service „grenzenlos“ war. Überall wurden wir freundlich empfangen und dann wieder weiter gereicht. Nach der Landung des Flugzeugs wurden wir aufgefordert so lange sitzen zu bleiben, bis das Gedränge vorbei war. Danach wurden wir zum hinteren Ausstieg geleitet, wo ein Fahrzeug wartete, dass uns alle in den fahrbaren Lift aufnahm und uns auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Das Fahrzeug hatte den Charme eines Papa-Mobils, ich kam mir vor als wäre ich ein Prominenter. Dann waren es noch 100 Meter Rollstuhlfahrt bis zu dem wartenden Wagen vor dem Flughafengebäude. Die Strapazen und auch das Vergnügen dieser Reise halten sich die Waage. Bei dem Familienfest danach waren die Strapazen sowieso wieder vergessen.

Schlußbemerkung

Zum Schluß möchte ich Ihnen noch den Text: „Als ich mich selbst zu lieben begann…“ von Charlie Chaplin, den er zu seinem 90. Geburtstag geschrieben hat, empfehlen.
Dass Sie mit Ihrem Leben gut zurecht kommen und noch viele glückliche Momente erleben dürfen, wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.

 
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